Historische Bevölkerungs-Statistik am Beispiel der Familie Fugger (Demografie)

Grundlage: viele (zumindest die meisten) genealogischen Veröffentlichungen wurden in einer genealogischen Datenbank (GeneWeb) gespeichert.
Die Anzahl der Personen ist beachtlich und für statistische Zwecke gut geeignet: fast 800 Personen vom Ende des 14. Jahrhunderts bis heute.
Für eine statistische Auswertung ist das 15. Jahrhundert weniger geeignet, da es hier zu wenig Personen gibt.
Für das 16. und die folgenden Jahrhunderte ist jedoch das Datenmaterial gut geeignet.
Neben der Verteilung der Vornamen ist eine Auswertung der Lebensalter, Heiratsalter, Anzahl der Kinder sehr gut möglich. Interessant ist auch der Vergleich derselben Auswertung für das 16. Jahrhundert mit denen der Wittelsbacher, die weitgehend gleich ist, aber auch einige Zahlen sind anders. (Die Unterschiede sind hier kommentiert).

Vergleich der statistischen Zahlen 16. Jahrhundert und 17. Jahrhundert:
1. Es sind statt 24 Ehen im 16. Jahrhundert im 17. Jahrhundert 46.
2.  Das Lebensalter hat sich gegenüber dem Alter im 16. Jahrhundert um etwa 2 Jahre erhöht, das Heiratsalter ist jetzt um etwa 3 Jahre höher als früher. Entsprechend ist auch das Alter der Ehegatten beim 1.  und letzten Kind höher.
3. Die kinderlosen Ehen lagen im 16. Jahrhundert bei 17% gegenüber 22 % im 17. Jahrhundert.
4. Das Lebensalter hat sich ebenfalls erhöht, bei den Männern von 53 bzw. 55, bei den Frauen 53 bzw. 57 Jahre.
5. Die durchschnittliche Anzahl der Kinder ist von 6,6 (im 16.) auf  4.6 zurückgegangen.
6.  Auffällig ist aber, dass die Überlebenszeit der Mütter im Vergleich zur Geburt des letzten Kindes höher ist: 12 bzw.  20, bei den Vätern war es fast gleich (16 bzw. 15)
7. Bei der Geburt (bzw. im ersten Jahr danach) ist im 16. Jahrhundert 1 Mutter gestorben, im 17. Jahrhundert waren es 5 Mütter. Dabei muss man allerdings bedenken, dass die Zahl der auswertbaren Fälle im 16. Jahrhundert nur 15 war und im 17. Jahrhundert 25. Während bei den Vätern alle Lebensdaten bekannt waren, ist das Geburtsjahr der Frauen bei den 46 Ehen nur bei 25 Frauen bekannt gewesen ist.
8. Die Familie Fugger (nur die Fugger der Lilie sind hierbei betrachtet worden) ist insgesamt größer, es gab von den 46 Ehen 10 Ehen mit verwandten Fuggern. Der Verwandschaftsgrad ist angegeben, er liegt zwischen 0,2% und 7,3%.
Näheres zur Ermittlung des Verwandschaftsgrades siehe hier. Hier sein nur kurz erwähnt, dass Bruder und Schwester zu 25 % verwandt sind. Es gab in der Geschichte Fälle, wo die Ehepartner, die natürlich keine Geschwister waren, über 25% verwandt waren, siehe hier: (Philipp IV., König von Spanien und Maria Anna von Österreich).

Statistik über das Lebensalter der Fugger in den verschiedenen Jahrhunderten Ein Problem ist, dass bei vielen das Sterbejahr nicht erforscht ist. Das Geburtsjahr ist bei einigen auch unbekannt, jedoch kann man dieses anhand der Geburtsjahre der Geschwister bzw. des Heiratsdatum der Eltern leicht schätzen. Wenn es sich um ein Schätzdatum handelt, ist dies in der DB mit ca. angegeben.
Es wurde ein Durchschnittsalter für alle ermittelt, die über ein 1 Jahr geworden sind. Damit kann man die Lebenserwartung ermitteln, wenn man die Säuglingssterblichkeit rausrechent. Für alle, dessen Sterbejahr erforscht ist, ist es problemlos, eine Lebenserwartung unter Hinzunahme der Säuglingssterblichkeit zu ermitteln, für die anderen wurde ein geschätztes Sterbejahr genommen nach der Regel, wenn aus der Vita hervorgeht, dass die Person älter als 20 Jahre geworden ist (Heirat oder geistlicher Stand) wurde als Todesjahr Geburtsjahr+50 angenommen, in den anderen Fällen wurde ein Sterbejahr=Geburtsjahr verwendet. Bei einigen Personen (15. Jahrhundert) war zwar keine Vita bekannt, jedoch ist zu vermuten, dass diese Personen das Erwachsenalter erreicht haben. Diese (es waren 3 Personen) habe ich unbeachtet gelassen und den Durchschnitt mit den klaren Fällen ermittelt.
Erstaunlich ist, dass das Lebensalter im 16. bis 18, Jahrhundert niedriger ist, als im 15. und 19. Jahrhundert. Dass das 19. Jahrhundert höher ist, ist einzusehen, dass das Lebensalter im 17. Jahrhundert niedrig ist, ist auch klar: 30jähriger Krieg und die Pest, ein Drittel der Bevölkerung starb.  Es wurden mehrere Durchschnitte ermittelt, um einen evt. Fehler bei der Behandlung der Fälle, die kein erforschtes Todesjahr haben, darzustellen. Nur die Fälle zu nehmen, die erforschte Todesdaten haben, wäre sicher auch falsch, weil anzunehmen ist, dass bei der meisten Personen ohne erforschtes Todesjahr ein früher Tod wahrscheinlich ist, wenn diese Personen über 20 Jahre geworden wären, wären ja zusätzliche Daten vorhanden.

Vergleich zu Ergebnissen aus England: In dem unten angegebenen Artikel wurde mit einer ähnlich großen Ausgangszahl gerechnet (fast 2000 Personen, bei mir ca 900 Wittelsbacher und 800 Fugger. Die Datenbasis ist zwar 9000, aber nur bei den Wittelsbachern, Habsburgern und Fuggern sind die Daten auch komplett entsprechend den angegeben Quellen). Die Abdeckung der Jahrhunderte ist ähnlich: bei den Wittelsbachern  beginnt es im 12. Jahrhundert, bei den Fuggern im 15. Jahrhundert. Die Vollständigkeit der Zahlen dürfte ähnlich sein, ab dem 16. Jahrhundert dürften alle Frühverstorbenen erfasst sein, wenn auch bei vielen das exakte Todesdatum fehlt. Die Kindersterblichkeit und Lebenserwartung ist ähnlich. Auch hier kann man annnehmen, dass 90 % aller vor dem 15. Lebensjahr Verstorbenen im ersten Lebensjahr gestorben sind. Eine Tabelle zur Lebenserwartung möchte ich hier zitieren (Tabelle 12 auf Seite 240):

Lebenserwartung im Alter von 15  Jahren
Kohorte geboren britische Herzogsfamilien
männlich
britische Herzogsfamilien
weiblich
Europäische Herrscherfamlien
männlich
Europäische Herrscherfamlien
weiblich
1480-1679 27,7 33,2 31,2 35,9
1680-1779 37,8 41,6 36,8 39,7
1780-1879 45,0 49,6 43,7 45,6


Die Zahlen, die ich für die Fugger ermittelt habe, sind beachtlich höher, ausserdem habe ich nur die Säuglingsterblichkeit rausgerechnet, ich habe alle Personen ausgewertet, die mehr als 1 Jahr geworden sind (90 %, die nicht das Erwachsenalter erreicht haben, starben in den frühen Jahrhundert im ersten Lebensjahr). Die Frauen wurden 3-5 Jahre älter als die Männer, es ist auch im 20. Jahrhundert noch so ähnlich. Bei meiner Auswertungen der 1. Ehen (die weiteren Ehen wurden nicht ausgewertet) kommt man bei der Lebenserwartung auch auf höhere Werte, wobei zu bedenken ist, dass dabei nur Personen ausgewertet worden sind, die über 20 Jahre wurden.
Statistik der Ehen der Fugger im 16. Jahrhundert , Statistik der Ehen der Wittelsbacher im 16. Jahrhundert
Statistik der Ehen der Fugger im 17. Jahrhundert

Lebenserwartung in der verschiedenen Jahrhunderten (am Beispiel: etwa 400 der 800 Fugger wurden ausgewertet)

Verteilung der Vornamen pro Jahrhundert


Personenindex  ,   Quellen über die Fugger

Quellen: Einführung in die Demographie am PC, Andreas Heigl, Wiesbaden 1999
Eine demographische Untersuchung der Familien des britischen Hochadels, T. H. Hollongsworth, in Bevölkerungsgeschichte, Hrg von Wolfgang Köllmann und Peter Marschalck, Köln 1972
Datenbasis: DB hwember1

Heinz Wember
Änderungsstand: 12-Apr-2009 23:50