Kloster Tegernsee und die Prophetenfester im Dom zu Augsburg



P. Willibald Mathäser O.S.B. Chronik von Tegernsee

"Neben der Buchmalerei und Dichtkunst war unter Abt Gozbert noch etwas ganz anderes zu Hause. Das Kloster erhielt unter ihm eine Glashütte beim "Bauer in der Au" südwestlich des Sees und begann mit der Glasmalerei. Graf Arnold von Vohburg oder auch von Kelheim, ein Jugendfreund und einmal Gutsnachbar des Abtes Gozbert, brachte sie ins Kloster am Tegernsee Er verfertigte nicht bloß farbige Glasgemälde für die Kirchenfenster von Tegernsee die bislang mit alten Lumpen verhängt waren, um vor Wind und Wetter zu bewahren, sondern bildete auch mehrere Mönche als Glasmaler aus. In der Folgezeit entstanden ungezählte Glasgemälde durch sie. Unter Abt Beringer (1004-1013) konnten die Aufträge aus nah und fern kaum befriedigt werden Einmal gingen 200 Glastafeln auf einmal an Bischof Gottschalk von Freising (+ 1005) ab. Von allen diesen bunten Schöpfungen aus Glas sind nur mehr ganze fünf bis heute erhalten geblieben. Sie befinden sich im Dom zu Augsburg und zeigen die alttestamentlichen Gestalten Moses, David, Josue, Daniel und Jonas Man hat diese Kunstwerke aus den Zeiten Kaiser Heinrichs II. die Inkunabeln der Glasmalerei genannt. Sie sind die ältesten bunten Fenster auf der ganzen Welt.

Neben der Glasmalerei begann Abt Gozbert auch mit der Erzgießerei. Ein von Bischof Gottschalk gesandter Mönch Udalrik aus Freising goß in Tegernsee die erste große Glocke für das Münster dort. Froumund befaßte sich theoretisch mit dem Erzguß, Werinher Wecil verfertigte später als Praktiker eine eherne Brunnenschale für den Klosterkreuzgang, dann Goldschmiedearbeiten für die Kirche, weiter für sie fünf Fenster aus buntem Glas. Vermutlich war dieser Mönch so etwas wie der Meister aller jener, die mit ihm als Glasmaler, Gold- und Silberschmiede und als Erzgießer in der ersten Hälfte des Jahrhunderts im Kloster Tegernsee unermüdlich tätig waren."



Das Kloster Tegernsee um das Jahr 1000

Inaugural-Dissertation vorgelegt von Gottfried Zacher aus Leipzig. Leipzig 1935

Der II. Teil der Arbeit behandelt die kulturelle Tätigkeit in Tegernsee um das Jahr 1000. Zu den Domfenstern zu Augsburg steht auf Seite 77: "Auch der Dombau zu Augsburg wird häufig mit Tegernsee in Verbindung gebracht, besonders sucht man die erhaltenen Glasgemälde aus dem Ende des 11. Jahrhunderts der Abtei zuzuschreiben, sie werden als unzweifelhaft Tegernseeisch bezeichnet. "
Als Quellen hierzu werden angegeben:
Cf. Br. 16 und die Annales Augustani 995 MG. SS. 3, 124,
Cf. Kuhn im Kunst- u. Gewerbeblatt zu Nürnberg 1878
Quellen und Literatur



Zur Geschichte der Glasmalerei im Mittelalter  von Prof. Dr. Kuhn


"Man hat bisher angenommen, die Glasmalerei sei um das Jahr 1000 in Deutschland und zwar im Kloster Tegernsee erfunden worden. Andere führen die Erfindung auf Frankreich zurück und da beruft man sich vor Allem auf eine burgundische Quelle, nemlich auf den Verfasser der Chronik von S. Benigne in Dijon (L. d'Achery, Spicilegium tom. II. Paris 1723. Chronica S. Benigni Div.. p. 383), welche erzählt, dass die dortige Kirche ein uraltes Fenster mit Darstellungen aus dem Leben der h. Pascasia besass, deren Reliquien in dieser Kirche ruhten." S. 132
"Es war aber Adalbert, von Geburt ein Deutscher, ein Spross des Hauses der Stadtgrafen von Verdun, welcher als Chorherr der deutschen Stadt Metz auf Betreiben des Kaisers Otto I. den erzbischöflichen Stuhl von Rheims erhielt, der obwohl zu Neustrien gehörig, unter dem Schutze der Ottonen stand. Adalbero war ein Parteigänger des deutschen Kaisers, ebenso wie der von Adalbert nach Rheims an die Schule berufene Gerbert, der im Jahre 1000 durch Kaiser Otto III. den päpstlichen Stuhl als Silvester II. bestieg, und vertraten Beide die Interessen des sächsischen Hauses. Erst gegen Ende seines Lebens schloss sich Adalbero an Hugo Capet an und setzte diesen auf den Thron der Karolinger in Frankreich.
Der kunstsinnige deutsche Bischof Adalbert, welcher seine Kirche mit verschiedenen Kunstwerken schmückte, und zwar, wie es bei Richer heisst, gleich am Anfang seiner Regierung (969-988), konnte sich hiefür keiner anderen kunstreichen Hände bedienen, als solcher, die ihm damals zu Gebote standen. Und das waren Mönchshände, oder Hände von geschickten Arbeitern, die in Klöstern, diesen damals einzigen Zufluchtsstätten der Kust, ihre Kunstfertigkeit verwertheten." S. 137
...
"Es ist uns das Gedicht des Möches von Sanct Gallen, Ratpertus, erhalten, in welchem dieser,  ein geborener Züricher, die Pracht und den Glanz der unter Ludwig, des Deutschen, Tochter Bertha als Äbtissin zwischen 871 und 876 eingeweihten Frauenmünsterkirche zu Zürich seinem Mitbruder, dem Mönche Notger in St. Gallen schildert." S. 138
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"Ich habe oben bemerkt, dass man bisher angenommen hat, die Glasmalerei sei um das Jahr 1000  in dem bayerischen Kloster Tegernsee erfunden worden; man kannte ja diese Stelle beim Mönche Ratpertus noch nicht.
Thatsasche ist, dass ein Graf Arnold 999 oder 1000 an den Abt Gozbert von Tegernsee ein Glasfenster schenkte, welches die alten Vorhänge ersetzen sollte, mit welchem bisher die Fenster der Klosterkirche verhängt waren, wie wir aus dem Dankschreiben des Abtes an Graf Arnold erfahren. (Pez & Huber, Thesaur. Anecdot. tom. VI. p. I. p. 122. n.3.)
Wir können auch den Inhalt des Schreibens (discoloria picturarum vita) wirklich auf Glasfenster deuten; aber aus demselben Schreiben geht hervor, dass der Ort, an welchem das fragliche Glasfenster gemacht, nicht Tegernsee war; denn Graf Arnold schickt das Fenster  dem Tegernseer Abte.  Es ist möglich, dass der Donator Graf Arnold, über dessen Persönlichkeit uns die Urkunden nichts erzälen (Die deutsche Geschichte aus der damaligen Zeit kennt nur einen Grafen Arnold von Lambach, welcher 1035 hochbetagt Markgraf von Kärnten wurde. Der ist es nicht. (cf. Gfrörer, Papst Gregort VII. und sein Zeitalter. Bd. I, 421), seine Besitzungen in der Nähe des Klosters hatte, da er als Guttäter desselben wiederholt auftritt; es ist aber auch möglich, dass er ausser diesen Gütern noch andere hatte, welche fern vom Kloster Tegernsee im deutschen Lande lagen.
Graf Arnold hatte aber auch zugleich mit dem Glafenster junge Glasarbeiter mitgeschickt, welche diese Kunst in Tegernsee zum Dienste des Klosters fortsetzen sollten, wie aus dem Schluss des Dankschreibens (Der Dankbrief des Abtes Gozbert lautet: Es ist unsere Pflicht, Gott für Euch anzuflehen, indem ihr unsern Ort durch solche Werke der Ehren erhöht habt, von denen wir weder wissen, dass dergleichen in alten Zeiten vorhanden waren, noch hoffen konnten, selber ähnliche zu sehen. Die Fenster unserer Kirche waren bis jetzt durch alte Tücher geschlossen. Zu Euren glückseligen Zeiten erglänzte der goldgelockte Sol zum ersten Male durch die von Malereien bunter Gläser auf die Platten des Fussbodens unserer Kirche und die Herzen aller derjenigen, welche das manigfaltige ungewohnte Werk unter sich erblickten, werden von vielfacher Freude erfüllt ...) von Abt Gozbert an den Grafen Arnold hervorgeht." S. 139

Es folgen nun Überlegungen, woher die Glasarbeiter kamen (St. Gallen, Constanz oder Reichenau), es werden die vielfachen Verbindungen von Konstanz zu St. Gallen aufgezählt. St. Gallen wiederum stand mit Tegernsee in "innigster Verbindung". Bei der Neugründung des Klosters Tegernsee kamen die Mönche aus St. Gallen. "Unser Tegernseer Abt Gozbert war an der Domschule zu Augsburg unter St. Ulrich erzogen. Die Augsburger Domschule aber war von St. Gallen beeinflusst. (Th. Herberger, die ältesten Glasgemälde im Dome zu Augsburg. Augsburg 1860). ...

"Schon unter Abt Gozbert und seinen Nachfolgern Godehard und Beringer wurde in der Glashütte Tegernsee (cf. Herberger 1. cf.) so tüchtig gearbeitet, dass bereits 1005 für Bischof Gottschalk von Freising und die Äbtissin eines ungenannten Klosters Bestellungen ausgeführt wurden, welche sich so drängten, dass den Aufträgen nicht genügt werden konnte.
Einer der hervorragensten Künstler war der Mönch Werinher, der unter dem Abte Eberhard 1068-1091 die Tegernseer Kirche mit 5 Fenstern schmückte.
Von diesen Fenstern und anderen der frühesten Tegernseer Kunst existiert nichts mehr.
Unbedingt aber dürfen die uns noch erhaltenen fünf Prophetenfenster in dem Augsburg Dom den Mönchen von Tegernsee zugeschrieben werden." S. 140

"Ich habe oben bereits auf den regen Verkehr von Augsburg mit Tegernsee hingewiesen, welche um so inniger war, als durch Bischof Bruno von Augsburg, zwölf Benediktiner von Tegernsee mit ihrem Abte Regionbald, welchen Einige als von St. Gallen gekommen erwähnen, das Stift St. Ulrich Ende des 10. oder Anfang des 11. Jahrhunderts übergeben wurde.
Ende des 10. Jahrhunderts aber wurde auch in Augsburg der Dom gebaut, wahrscheinlich von den befreundeten Mönchen zu St. Gallen, der ganze Bau aber erst im Laufe des 11. Jahrhunderts vollendet.
Bei einer solchen Lage der Dinge  kann auch nicht des leiseste Zweifel bestehen, dass zum Schmucke des neuen Domes diese neue Erfindung der Glasfenster benützt und diese von den befreundeten Tegernseer Mönchen hergestellt wurden.
Dies Fenster stellen die Propheten Moses, David, Jonas, Osea und Daniel dar, welche Spruchbänder mit Text in den Händen halten. Die Gestalten sind noch ganz typisch, ihre Gewandung zeigt mehr einen byzantinischen Charakter und besteht aus einem langen, bis zu den Waden herabreichenden Leibrock und einem Mantel, der durch eine runde Fibula (Hafte) meist über der rechten Schulter zusammengehalten wird, eine Art der Befestigung, der wir bei den Byzantinern immer begegnen. Ausserdem tragen sie noch perlenbesetzte Klappschuhe und den spitzen Judenhut.
Wenn wir nun auch nicht umhin können, anzuerkennen, dass diese Figuren der Propheten in Zeichnung, Tracht, Haltung, den Miniaturen des 11. Jahrhunderts entsprechen, so dürften diese Glasmalereien doch erst früherstens auf das Ende des 11. Jahrhunderts, sicherer auf den Anfang des 12. Jahrhunderts zurückzuführen sein und nicht schon bei der Einweihung des Domes durch den Bischof Gundekar von Eichstedt 1065 unter dem Augsburger Bischof Embriko ihre Farbenpracht entfaltet haben, wie Manche annehmen, da sonst diese Arbeit für Augsburg gewiss auch unter den Arbeiten des kunstgeübten Werinher genannt worden wäre; denn diese in Gold-, Silber- und Erzarbeit, wie in der Glasmalerei gleich tüchtig geübte Künstlerhand müsste um diese Zeit die Augsburger Glasfenster gemacht haben, darüber ist uns aber nichts berichtet." S. 146

Anschliessend ist noch beschrieben,"dass wir auch in Hildesheim in den ersten Dezennien des 11. Jahrhunderts auf die Kunst der Glasmalerei stossen.
"Der Erklärungsgrund hiefür liegt einfach in dem Umstande, dass nach dem Tode des kunstgewandten Bischofs Bernward von Hildesheim der Abt Godehard von Tegernsee auf den dortigen Bischofsstuhl berufen wrude." S. 146

Quelle:Kunst und Gewerbe. Wochenschrift zur Förderung deutscher Kunst-Industrie. Herausgegeben vom Bayerischen Gewerbemuseum zu Nürnberg. Redigiert von Dr. Otto von Schorn. 12. Jahrgang. Nürnberg 1878. (Seiten 132-146)


Prophetenfenster im Augsburger Dom

Homepage Tegernsee

Quellen: P. Willibald Mathäser O.S.B. Chronik von Tegernsee, Ehrenwirth, München 1981, Seite 43
Das Kloster Tegernsee um das Jahr 1000, Inaugural-Dissertation vorgelegt von Gottfried Zacher aus Leipzig. Leipzig 1935, Seite 77
Kunst und Gewerbe. Wochenschrift zur Förderung deutscher Kunst-Industrie. Herausgegeben vom Bayerischen Gewerbemuseum zu Nürnberg. Redigiert von Dr. Otto von Schorn. 12. Jahrgang. Nürnberg 1878. (Seiten 132-146)
Der Augsburger Dom im Mittelalter, Martin Kaufhold (Hrsg.), Wißner-Verlag Augsburg 2006, Seite 74
Änderungsstand: 10-Jan-2010 15:30
Heinz Wember